28 Dezember 2008

Rolling Stones der Computerindustrie (Apple und Microsoft)


Bill Gates tritt ab, Steve Jobs tritt kürzer. Sie waren beinharte Konkurrenten und sind sich ähnlicher, als sie glauben: Das hat Apple und Microsoft gross gemacht. Von Peter Hossli

Als Bill Gates vor 25 Jahren der Welt seine erste Windows-Version präsentierte, stand neben ihm noch William H. Gates senior, der Vater, und legte Folien auf. Am vergangenen Freitag stand der Microsoft-Gründer in einem Vorort von Seattle ein letztes Mal vor seiner Belegschaft, zerknittertes blaues Hemd, auf der Nase eine Brille mit fleckigen Gläsern. Der letzte Arbeitstag des legendären Microsoft-Gründers. Am Schluss, als er beim Abgang seinen Freund und Nachfolger Steve Ballmer umarmte, flossen Tränen. Nun will sich Bill Gates ausschliesslich um seine Stiftung kümmern. Dazwischen liegt ein unglaublicher Aufstieg von einer Klitsche für Microcomputer-Software («Microsoft») mit 40 Angestellten und acht Millionen Dollar Umsatz im Jahre 1980 zu einem Koloss von 78 000 Mitarbeitern, 51 Milliarden Dollar Umsatz, und William «Bill» Henry Gates III wurde zu einem der reichsten Menschen der Welt.

820 Meilen südlich und drei Wochen zuvor stand auch Apple-Gründer Steven «Steve» Paul Jobs auf einer Bühne in San Francisco und stellte der Welt sein iPhone der zweiten Generation vor. Doch diesmal gab es kein rhetorisches Feuerwerk wie stets bei diesen Gelegenheiten, keinen Jobs in Hochform, der wieder einmal ein technologisches Wunderding aus dem Ärmel schüttelte. Stattdessen einen matten, müde gewordenen Mann, merklich dünner wie auch schon, Backenknochen standen ihm im Gesicht, der Image-bildende Rollkragenpullover hing schlaff von den Schultern. Eine «normale Viruserkrankung», hiess es, habe dem Apple-Chef aufs Gemüt geschlagen.

Die Apple-Aktie sackte ab

Glauben will das niemand. Vor vier Jahren erkrankte Jobs an Bauchspeicheldrüsenkrebs und unterzog sich einer Whipple-Operation, wie das US-Wirtschaftsblatt Fortune zu berichten weiss. Bei diesem nach dem US-Chirurgen Allen Whipple benannten Eingriff werden Gallenblase, Zwölffingerdarm, Bauchspeicheldrüse sowie Teile des Magens entfernt. Die Folge: anhaltender Gewichtsverlust. Trotz dem iPhone sackte die Apple-Aktie um zehn Prozent ab. Sollte Jobs krankheitsbedingt als CEO ausfallen, liesse dies den Apple-Börsenwert um 20 Milliarden Dollar abstürzen, spekulieren Analysten.

Bill Gates, 52, und Steve Jobs, 53, sind die Rolling Stones der Computerindustrie, Dinosaurier des Informationszeitalters, Gurus von globalen Windows- oder Apple-Gemeinschaften. Und sie sind vor allem immer erbitterte Kontrahenten um die digitale Vormachtstellung gewesen; eine Fehde zweier Alphatiere, die sich nach Gates' Rücktritt und Jobs' zu erwartendem Abtritt nach drei Jahrzehnten langsam einem Ende zuneigt. Prächtig haben sie die Freaks der Computerin-dustrie unterhalten, seit Gates 1975 seine Microsoft, 1976 Jobs seine Apple Inc. gegründet hatte. So beschuldigte Jobs Gates des Ideenklaus. Das Betriebssystem Windows, meinte die eine US-Ikone zur anderen, sei eine miese Kopie ihres Macintoshs. Gates gab sich keine Mühe, dies abzustreiten, sondern trieb seine Entwickler an: «Macht es wie beim Mac», denn auch Jobs habe ja geklaut bei Xerox.

Erfinder und Verkäufer

Beide sind mehr als profane Kopisten: Jobs pflegte das Image des unbändigen Erfinders, Gates jenes des genialen Verkäufers, der auf «jedem Schreibtisch und in jedem Haus» einen Computer mit seinem Betriebssystem haben wollte. Nicht Qualität, sondern Masse bescherten ihm den Erfolg. Jobs dagegen kreierte teurere Produkte, die «anders sind». Nicht grau, sondern farbig, sexy und innovativ.

Gates wie Jobs waren hervorragende Verkäufer von Dingen, die andere erfunden hatten. Es ist nicht die einzige Gemeinsamkeit. Beide kamen 1955 zur Welt, Jobs im Frühling, Gates im Herbst. Noch heute sind sie die Aushängeschilder einer Generation von Amerikanern, die den Traum des Selfmademan verkörpern. Beide brachen das Studium ab, beide verfolgten mit ihren in Garagen gegründeten Firmen anfänglich dasselbe Ziel - die Dominanz von IBM zu brechen.

Beide sind sie Kontrollfreaks. Der eine - Gates - verdeckt diesen Zug hinter einem harmlosen Strebergesicht, der andere - Jobs - hinter dem Hippie-Gebaren. Die Realität ist: Gates verachtet, wer ihm intellektuell unterlegen ist, Jobs kontrolliert mit herrischer Attitüde sein Personal. Wer ausplaudert, woran er gerade tüftelt, fliegt raus. Blogger, die auf ihren Websites geheime Apple-Produkte enthüllen, verklagt er ohne Gnade.

Ihren kolossalen Erfolgshunger stillen beide auf ihre Weise. Wobei Gates mehr Geld als Ruhm erntet. Zeitweilig schwoll sein Vermögen auf 100 Milliarden Dollar an. Seit dem Kurssturz der Microsoft-Aktie steht er mit 58 Milliarden Dollar an dritter Stelle, so das Magazin Forbes. Rund 5,8 Milliarden Dollar besitzt Jobs. Mehr als verzehnfacht hat sich seit 2001 der Kurs der Apple-Aktie. Ansehen scheint ihm aber wichtiger als Geld. «Als ich 23 war, hatte ich mehr als 1 Million Dollar, mit 24 waren es mehr als 10 Millionen und mit 25 über 100 Millionen. Es war mir völlig egal», sagte Jobs. «Ich habe nie etwas wegen des Geldes gemacht.» Spass hat er, wenn in Hollywood-Streifen die Bösewichte auf PCs tippen, die Helden aber Macs bedienen. In seiner Weltsicht auch ein Sieg über Gates: «Die von Microsoft», hat er einmal gesagt, «haben keinen Geschmack und in ihren Produkten wenig Kultur.»

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 27/08

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